Kreativität in Grenzen

16.01.2011 16:36 von Claudia Laßlop

Innerhalb der Stadtgrenzen ist es selbst trotz vieler auftrittswilliger Musikgruppen gar nicht so schwierig, eine Bühne zu erklimmen: Zwar müssen sich junge Musiker ihre Auftritte oft selbst organisieren und neben der kreativen Arbeit auch den finanziellen Aufwand stemmen. Aber am Beginn einer potentiellen Karriere sind derartige Investitionen neben Kontakt- und Imagepflege wohl normal. Mittlerweile gibt es in der Stadt zudem einige junge Veranstalter, die es gerade Neulingen ermöglichen, als Support „irgendwo reinzurutschen“, wie Iona-Gitarrist Norbert beschreibt. Oft sind genau das die Gelegenheiten, sich erstmals ein Publikum über den Freundeskreis hinaus zu erobern.

Auf Unterstützung von öffentlicher Seite sollte man nicht hoffen. Die Stadt konzentriert sich nach außen vor allem auf die Präsentation ihrer klassisch-musikalischen Seite, scheint ihre jüngere Musikszene und deren Potenzial dabei aber geflissentlich zu übersehen. Auch bei öffentlichkeitswirksamen Gelegenheiten wie dem Stadtfest werden lieber massenerprobte Künstler von außerhalb geholt. Währenddessen schafft sich der Nachwuchs jedoch seine eigene Öffentlichkeit: Bewährt sich traditionell als Support der alljährlich ausverkauften Weihnachtskonzerte von Phillip Boa in der Moritzbastei. Steht neben längst überregional etablierten Künstlern auf der Bühne des Festivals „Leipzig.Courage zeigen“. Und vernetzt sich in Vereinen wie der Bandcommunity, die sich in der Rolle „des Vernetzers, des Förderers, des Ansprechpartners für jeden, des Organisators, des Veranstalters, des Projektleiters, des Kooperationspartners“ sieht, wie Stefan Schliewe von der Bandcommunity umreißt. „Wir wollen der Verein sein, der in der Mitte steht.“ Wichtiger Programmpunkt ist dabei das Bessere-Zeiten-Festival, das allherbstlich auf der Festwiese am Fuße des Stadions stattfindet. Selbst wer hier nicht auf der Bühne steht, findet sich doch in einem Meer von Gleichgesinnten und kann munter Kontakte knüpfen.

 

Jenseits der Metrolpolen Hamburg, Berlin, Köln

Manchmal hat auch schon ein bisschen Glück geholfen - die Leipziger Reggae-Sängerin MANJA trat 2007 bei Stefan Raabs Bundesvision Songcontest für Sachsen an. Bis heute wird sie auf diesen Auftritt angesprochen, aber „direkt danach verpuffte viel“. Auch wenn sie mit ihrem aktuellen Album nun wieder auf kleineren Bühnen steht, so gelingt ihr das doch immerhin deutschlandweit. Und nach erfolgreichen Leipziger Künstlern gefragt, muss sie nicht lang überlegen: „Think about Mutation, Die Prinzen, The Firebirds, Mister Sushi, Diario, Lipstix, Die Tornados, Sonic Boom Foundation, Pioneer von Germaica Records ehemals Messer Banzani, die FarEast Band, Jahtari – Leipzigs Musikszene hat für jeden was zu bieten.“

Denkt man an erfolgreiche Musikgruppen aus Mitteldeutschland, die überregional und anhaltend Wahrnehmung erlangt haben – an Silbermond aus Bautzen, Clueso aus Erfurt oder Polarkreis 18 aus Dresden -, dann muss Leipzig nach wie vor passen und gerade für Gruppen aus dem Indie-Bereich erweist sich hier wie auch anderswo die Stadtgrenze als nicht zu unterschätzen: „Obgleich die Leipziger Musik- und Subkulturen oftmals sehr vielseitig, kreativ und auch verdammt begeisternd und mitreißend sind, gelingt – im Vergleich zu den Metropolen Hamburg, Berlin, Köln – leider eher wenigen Künstlerinnen und Künstlern der Sprung über die Stadtgrenzen“, sagt Matthias Puppe, Pressesprecher der Musikmesse Pop Up. Demnach hätten viele Leipziger Künstlerinnen und Künstler in den vergangenen Jahren meist erst den Sprung nach Berlin und Co. schaffen müssen, „um überhaupt wahrgenommen zu werden.“ Und erst dieses Wahrgenommen-Werden öffnet alle weiteren Türen.

Erfolgsgeschichten finden sich demnach vor allem in den Nischen: „Heute vor allem im Bereich Techno und House: Kassem Mosse, Filburt w/ Good Guy Mikesh, Matthias Tanzmann oder die Jungs von Kann Records“, zählt Matthias Puppe auf. Die beiden Letzteren fanden lobend Erwähnung bei der New-York-Times-Nominierung Leipzigs als einem der „31 Places to go in 2010“. Und auch ZIN – aus der rockig-düsteren Ecke - haben 2010 deutschlandweit von sich Reden gemacht, Neo Rauch übernahm die Covergestaltung des Albums „The definition“, das es sogar in den Rolling Stone schaffte. Eine Tour durch größere deutsche Locations liegt nun bereits hinter ihnen. Am Beginn eines musikalischen Schaffens lesen sich solche Geschichten aber noch anders.

 

Musik, die für sich selbst spricht

Von den Veranstaltern bekommt man meistens zu hören: ,Euch kennt keiner, also zahlt keiner, also verkaufe ich wenig Getränke, also nehme ich doch lieber eine lokale Band‘ “, erinnert sich Sänger Lucas Hull an die Planungen der Tour, die er und seine Band Dante´s Dream im Frühjahr 2010 in süddeutsche Clubs führte. Dabei ginge es noch nicht mal um Zweifel an der musikalischen Qualität. Erst einmal auf der Bühne, spricht die immerhin für sich selbst: „Die Reaktionen sind dann eigentlich immer gut. Denn wenn man bei einem Konzert erst mal vor Ort ist, nimmt einen die Musik auch meist mit.“ Und auf diese kleinen Erfolge lässt sich dann aufbauen.

Youtube, Myspace und Co. sind längst nicht mehr wegzudenken, wenn es um die weitreichende und kostengünstige Verbreitung der Musik geht. Und auch die Leipziger nutzen die Vorteile der Netzwelt, um sich Gehör zu verschaffen - mit vereinten Kräften. Seit September gibt es den Sampler „popoolär“, der regelmäßig die Musik von Leipziger Bands versammelt und zum kostenlosen Download bereit stellt. Während die einen gegen die Verbreitung ihrer Musik im Netz kämpfen, ist sie hier ausdrücklich erwünscht und jeder Download ein weiterer Schritt in die Welt. Den Hörer erwartet mit jeder neuen Auflage ein Querschnitt von Leipziger Stilen und Gruppen, den man selbst durch regelmäßige Konzertbesuche so schnell wohl nicht erleben könnte.


SwimmingpoolUnd nicht nur online ist man um einen regelmäßigen Output bemüht: Passend zum Sampler gibt es seit September 2009 die Konzertreihe Swimming Pool, ihren Auftakt feierte sie mit Mantiquttair und Dante's Dream. Jeweils zwei Bands, die auf dem Sampler vertreten sind, stehen seitdem an den Swimming Pool-Abenden auf der Bühne der Schaubühne Lindenfels. Ab 2011 wird der Sampler nun alle zwei Monate erscheinen: „Wir haben nun mit den ersten vier Ausgaben des Samplers seit September einige Erfahrung sammeln können – und noch mehr freiwillige, höchst ehrenamtliche Überstunden heruntergeschrubbt“, sagt popoolär-Initiator Lutz Leukhardt. Sowohl Bandsuche als auch die Aufbereitung und Umsetzung des Samplers bringen jede Menge Arbeit mit sich, für die sich die Macher nun doch lieber etwas mehr Zeit nehmen, „um in Leipzigs Musikszene nach den aktuellen Perlen zu tauchen.“


Keine Galionsfigur, kein Schatten

Als „vollen Erfolg“ beschreibt die Katja Engemann von der Bandcommunity außerdem die Eröffnung eines Bandhauses im Leipziger Westen: „Die für die Bands nicht gerade einfache Proberaumsuche in Leipzig wurde deutlich entlastet, nahezu alle Proberäume sind bereits belegt und es sollen durch Umbaumaßnahmen im Bandhaus noch weitere geschaffen werden.“ In den unteren Etagen soll außerdem ein Kulturkeller entstehen, eine Bühne für freie Kunst, Lesungen, Kleinkunst und natürlich Musik. Ein Platz, der sich optimal in die Kreativräume des Leipziger Westens einreiht und neuen Raum für Zusammenarbeit schafft. Demnach vernetzt sich Leipzigs musikalische Szene sowohl online als auch offline und verschafft all ihrer Unterschiedlichkeit mit immer neuen Ideen unermüdlich Gehör und Aufmerksamkeit. Und das trotz dem oder vielleicht gerade weil es diese eine bekannte Band aus Leipzig, diese tonangebende musikalische Galeonsfigur, (noch) nicht gibt.

Foto: T. Eißrich

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22.01.2011 17:10 von Juliane Bally

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18.01.2011 18:59 von Claudia Laßlop

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Wo eine gemeinsame Sprache und Worte noch fehlen, ermöglicht Musik bereits Verständigung. Über den Wechsel von Kommunikationsebenen, über die Wichtigkeit von Musik und ihre Rolle als verbindendes Element zwischen Müttern und ihren Kindern hat sich Musiktherapeutin Rotraud Bockenkamm mit Claudia Laßlop unterhalten.

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16.01.2011 16:36 von Claudia Laßlop

Kreativität in Grenzen

Danach gefragt, mit welchen Problemen sie sich herumschlagen, klingen die Antworten verschiedener Leipziger Musikgruppen recht ähnlich – Proberäume sind rar und wenn man sich in der Stadt eine Fangemeinde erspielt und immer noch Energie hat, geht die eigentliche Arbeit erst richtig los. Nächster und weitaus schwierigerer Schritt: Überregional Beachtung finden, kommerziellen Erfolg haben. Dafür gibt es in Leipzig zwar bislang nur wenige gelungene Beispiele, aber von Verdruss keine Spur.

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21.10.2010 20:46 von Claudia Laßlop

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Wie klingt der Himmel? Dieser Frage geht das diesjährige Impuls Festival vom 29. Oktober bis 21. November in Sachsen-Anhalt nach und findet am Ende im besten Fall nicht nur eine Antwort, sondern viele neue Fragen. Zusammen mit der Vorstellung des Programms gab es schon einen kurzen akustischen Eindruck dessen, was die Besucher dieses Jahr erwartet – Christoph Reuters „Himmelsscheibe“ für vier Kontrabässe und Klavier. Nicht zuletzt geht es bei Impuls wieder um die Frage nach der Angst vor neuen Tönen. Angst auf der einen Seite, das Gehörte nicht zu verstehen oder nicht zu mögen – die Angst auf der anderen Seite, dass deswegen vielleicht auch keiner kommt.

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13.10.2010 14:14 von Martin Morgenstern

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Wir schreiben das Jahr 1960. Das noble Gästehaus des Ministerrates der DDR im beschaulichen sächsischen Kurort Gohrisch hat hohen Besuch: Dmitri Schostakowitsch ist für eine knappe Woche zu Gast. Eigentlich soll er die Filmmusik für den Propagandafilm „Fünf Tage – fünf Nächte“ verfassen, der die Auslagerung Dresdner Kunstschätze durch die Rote Armee zum Thema hat. Der russische Komponist bringt dann doch sehr viel persönlicheres zu Papier: sein achtes Streichquartett. Ein Gespräch mit dem polnischen Komponisten Krzysztof Meyer.

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20.02.2012 13:08

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