Weitermachen!

03.10.2010 14:43 von Sebastian Göschel

Weitermachen! steht auf Herbert Marcuses Grabstein. Mehr Kampfschrei als Aufruf. Weitermachen! Diese Stimmung saß nach der Inszenierung „Nearly 90²“ von Merce Cunningham tief. Die Erstfassung entstand 2009 kurz vor dem Tod des Tänzers und Choreografen, der den modernen Tanz seit den 60er Jahren revolutionierte. Der 1919 in den USA geborene Cunningham erfand eine neue Form des Tanztheaters, die sich vom klassischen Ausdruckstanz abhob und den Tanz zu einer Hauptform der Kunst aufwertete. Berühmt war er auch für seine international ausgestrahlten Ballettfilme. Als Vermächtnis schickte er seine Company auf die zweijährige Legacy Tour. Eine Welttournee, deren einziger deutscher Halt – dank Weimarer Kunstfest – Erfurt war.

800 Menschen verschluckte der schwarz-rote Trichter der Oper am 28. August. Knisternde Stimmung, illustres Publikum, schwarze Limousine, Frack, Nike Wagner im Papageienjäckchen. Glanz im Erfurter Abendgrau.

 

Teuer erkauftes Leuchten

Die Landeshauptstadt Thüringens ist so bezaubernd, dass man's kaum aushält. Kulturell hat sie mit vielem zu kämpfen: mit Provinzialität und kanonischem Kulturangebot, einer konservativen Kulturelite und piefiger Bürgerlichkeit, mit Touristenströmen und mangelnder Heterogenität. Von den Stadtoberen gern als Museum ihrer selbst genutzt, bleibt wenig Raum für Kreativität, sind Kulturstätten oft mehr Repräsentationsorte als Umschlagplätze für nötige Debatten. Dementsprechend zäh war auch der Prozess des ersten Nachwende-Theaterbaus in den neuen Bundesländern. Ein Lehrstück (ost)deutscher Geltungspolitik. Mit einer Investition von 60 Millionen nahmen Raben-Stadtväter in Kauf, das Schauspiel zu schließen, sich auf gelegentliche Gastspiele zu beschränken und alte Gebäude verrotten zu lassen. Mit Guy Montavon konnte ein künstlerisch spannender Intendant gewonnen werden, der für internationale Strahlkraft sorgt. Bei einem Blick auf das Repertoire schwant einem, dass dieses Leuchten teuer erkauft ist: Zwischen Rössl und Csárdásfürstin ist kaum Platz für Werkstatt oder Experimente (auch die Studiobühne ist eher Ablass denn Aufbruch). Geschweige denn für produktive, kritische Bezüge zu Problemen und Mentalitäten der Stadt, was umso dringender wäre, da das Schauspiel nach Weimar „outgesourct“ ist und sich als DNT um die ganze Nation kümmern muss. Die Merce Cunningham Dance Company versprach da anderes: eine Kunst, die in ihrer Potentialität ein Weckruf für Erfurt sein kann.

 

Streng, puristisch, karg

Die riesige Bühne ist leer und dunkel. Am Horizont zieht ein Streifen grellen Lichts. Die 13 Tänzer/innen gleiten in schwarzen, hautengen Anzügen auf die Bühne. Streng, karg, puristisch. Die Bewegungen sind zurückhaltend, konkret, anatomisch. Endzeitstimmung à la Beckett. Dazu die autonome Musik von John Paul Jones (Led Zeppelin) und Takehisa Kosugi, die live (mit Bass und Computer) im Orchester-Schützen-Graben performen. In Cage'scher Manier knüpfen sie einen emotional strapazierenden Geräuschteppich, der die Töne nur so quetscht, zerrt, schießt. Wir befinden uns mitten in einem historischen Kaleidoskop, einem überbordenden Mosaik des Schaffens eines der größten Choreografen der vergangenen Jahrzehnte.

 

Szene aus der letzten Cunningham-Choreografie „Nearly 90²“ (Bild: Anna Finke)

Das ist anfangs spröde und distanziert wie bei der Besichtigung eines beweglichen Archivs von Biographie und Tanzgeschichte. Cunningham lässt seine Tänzer jede Bewegung so korrekt und synchron, teilweise in Zeitlupe, ausüben, dass man gar keine Bindung aufbauen kann, man perlt ab. Es ist nicht die Expressivität und Plastik einer Martha Graham (deren Schüler Cunningham war), sondern sezierende, glasharte Architektur in actu. Die Tänzer spielen mit den Horizontalen und Vertikalen des Raums, perfekt umgesetzt durch Körper am Limit ihres Leibseins. Es gibt kein Zentrum, alles ist Peripherie. Der Raum weitet sich ins Unendliche, Zeit vergeht und nichts entsteht. Heilsam für die Sehgewohnheit, für den wahrnehmenden Körper, kühlend für das heiße Herz. Denn Cunningham erzählt freilich keine Geschichte oder gibt dem Geschehen eine Deutung mit. Da bewegen sich Menschenkörper in Raum und Zeit und wir schauen zu. Eine theatrale Grundsituation, die nicht der Rede wert wäre, wenn nicht beharrlich eine Sphäre der Beklemmung, des Staunens und Ahnens drängte.

 

Fenster und Tunnel zu einer anderen Welt

Allmählich gerinnt die Inszenierung zu einem lebendigen Totentanz, werden Tänzer zu Wiedergängern. Sukzessive ändern sich Bewegungsformen. Im permanenten Wechsel von Solo, Duo, Trio mischt sich unter die geraden Bewegungen der Kreis, sei es, dass Akteure sich drehen oder selbst zu Kreisen werden. Aus Sprüngen werden Hüpfer. Nachdem alles so gesättigt wirkte, ist es nun beinahe kindlich. Die Tänzer spielen mit den Urthemen Kommen und Gehen, Einsamkeit und Liebe, Leben und Tod. Bestechend dabei das Timing der Auf- und Abgänge, als wäre die Bühne ein Bildschirm, bei dem, was auf der einen Seite verschwindet, auf der anderen Seite wieder auftaucht. Unmerklich erst, dann mit unglaublichem Sog wandelt sich die Stimmung. Der weiße Lichtstreifen fährt als Projektionsleinwand unaufhaltsam nach oben, wird zur riesigen Fläche, verschieden illuminiert, von kühlem Weiß über warmes Orange hin zu eiskalt brennendem Blau. Unvermittelt entbirgt sich ein helles Rechteck, gleichsam Fenster und Tunnel zu einer anderen Welt. Cunningham, der Abwesende, ist präsent wie nie.

 

Ein Körper tritt auf, tanzt zurückgenommen, autistisch Linien und Kreise. Parallel steigert sich die Musik zu synthetischem Orgel-Maschinengewitter. Kaum auszuhalten, schrecklich, tödlich - Zittern im Parkett. Wie ist die Situation zu lösen? Mit einem Knall, einem Black, mit Stille? Cunningham lässt es einfach auslaufen, ganz unspektakulär, es geht weiter und über in neue Formen. Die Energie bleibt gleich, nur die Formen ändern sich. Weitermachen! Cunninghams Choreografien sind kein Chaos, sie sind ein Kosmos. Seine Stücke zu lieben, ist nur möglich, wenn der Begriff Liebe entschlackt und nicht als bloße Abhängigkeit und Besitzen begriffen wird. Es ist ein Tanz auf Leben und Tod, der nicht von einem unausgewogenen Gefühlshaushalt motiviert ist oder psychologisch argumentiert – es ist blanke Bewegung als aufmerksame Anteilnahme an der Welt. Ganz im Sinne des Soziologen Norbert Elias, der bemerkte, dass der Tod ein Problem der Lebenden sei, sieht man durch die Inszenierung immer dies achtsam-milde Lächeln des alten Cunningham durchscheinen.

 

Wiederkehr des Ähnlichen

Er führt uns zu den Urgründen von Lebendigkeit. Sein Tanz ist keine Referenz auf die Welt, steht nicht für das Leben, er hat nur ein Ziel: Sich der Welt und natürlichen Vorgängen ähnlich zu machen, das Leben zu werden und der Tod. Walter Benjamin begreift den Menschen als mimetisches Tier, das über Wahrnehmung von Ähnlichkeiten in der Lage ist, eine Verbindung zwischen dem individuellen Sein und einem kosmischen Seinszusammenhang herzustellen. Der Tanz ahmt dabei Vorgänge am Himmel nach. Die Bewegungsfolgen beruhen bei Cunningham nicht auf Wiederholung, sondern auf Anverwandlung, in der kalkulierten Abweichung von der Synchronie. Sein Rhythmus ist nicht die Wiederkehr des Gleichen, sondern des Ähnlichen.

 

So nimmt diese Inszenierung Bezug auf eine entscheidende Mentalität Erfurts: den Umgang mit Vergangenem. Sie setzt der Monumentalität ihre Flüchtigkeit entgegen. Die Beschäftigung mit Geschichte ist nur gerechtfertigt, wenn sie Festes in Fluss bringt, neue Formen gebiert. Adaption, Zulassen von Fehlern und Akzeptanz der Abweichung sind das Ziel, nicht Reproduktion. Weitermachen Erfurt!

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03.10.2010 14:43 von Sebastian Göschel

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